Ausgabe 12/2009

Bisserl CO2 gefällig?
Die Welt ist ein Dorf, und die Chemische Rundschau offenbar mittendrin. «Do you know carbon credits?», klang kürzlich die Stimme eines eloquenter Herrn aus Japan durchs Telefon. Es folgte ein Exkurs über die Folgen des weltweiten Temperaturanstiegs und die globale Klimapolitik von Kyoto bis Kopenhagen. Als sein Redefluss endlich zum Ausgangspunkt, dem Handel mit CO2-Emissionsrechten (Carbon Credits), zurückkehrte, kam der Mann zum Geschäftlichen. Selbst in der schlimmsten Rezessionsphase seien die Kurse für die Carbon Credits kontinuierlich gestiegen, schwärmte der nun zum Anlagestrategen mutierte Klimaexperte. Aus dem Geschäft wurde nichts. Als der Anrufer nämlich erfuhr, dass hinter dem Titel «Editor in Chief» kein vermögender Wirtschaftsführer steht, sondern «nur» ein Journalist mit derzeit eher begrenztem Investitionspotenzial, entpuppte sich das ganze Gespräch als Missverständnis und war schnell beendet. Ein Blick in Finanzportale bestätigt: Der Klimawandel ist auf dem Weg zum Casino. Möglicherweise füllt sich hier bereits die nächste Spekulationsblase, denn Investoren und Provisionsjäger scheinen schon jetzt darauf zu wetten, dass der in Europa aufgegleiste, politisch sanktionierte Emissionsrechtehandel weltweite Nachahmung findet. Dies ist aber keineswegs sicher. Den Königsweg zur Lösung der Treibhausproblematik repräsentiert das Carbon Trading ohnehin nicht. Auch die in immer neue Formeln gefassten Reduktionsziele, welche die Regierungen auch in Kopenhagen wieder feilbieten werden, kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Zielvorgaben machen nur Sinn, wenn gleichzeitig konkrete Massnahmen gefördert und umgesetzt werden. Die Chemie kann enorm viel zur Entwicklung einer emissionsärmeren Wirtschaft beitragen, wie neue Studien u. a. zu CO2-Bilanzen (siehe CR 10/2009) und Energieversorgung (siehe Titelstory in dieser Ausgabe) verdeutlichen. Zahlreiche effizienzsteigernde Technologien sind bereits verfügbar und könnten z.B. gezielt dort installiert werden, wo derzeit die meisten neuen Produktionskapazitäten entstehen – in den asiatischen Wachstumsmärkten. Den dortigen Wirtschaftsmotor durch absolute CO2-Reduktionsvorgaben abzuwürgen, wäre hingegen keine gute Alternative. Denn Wachstum führt tendenziell zur Überwindung von Armut, und dieses Menschheitsziel sollte man neben dem Klimaziel keinesfalls aus den
Augen verlieren.
Ralf Mayer, Chefredakteur