Montag, 06. September 2010

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Ausgabe 3/2010

Sensor meldet «Vorsicht»

Krisenbewältigung hat viele Gesichter: Während Finanzanalysten bereits den nächsten Boom am Horizont erstrahlen sehen, die Grossbanken, wie gehabt, ihre lohnsensiblen Investmentbanker mit himmlichen Boni an Bord halten, Piloten bereits wieder Streiks für verantwortbar halten, übt sich die Chemieindustrie, was die Bewertung des einsetzenden Aufschwungs angeht, in bodenständiger Zurückhaltung (siehe Artikel Seite 4). Dieser Realismus ist nicht nur aktuell angebracht, sondern auch historisch gewachsen. Anders als Finanzjongleure, die ihre Margen mit lancierten Erwartungen erzielen, hat die Chemieindustrie seit jeher reale Werte produziert und verkauft. Sie ist an allen Stufen der Wertschöpfungskette beteiligt und hat somit ein Sensorium dafür entwickelt, wie die Nachfragekurven in einzelnen Kundenmärkten verlaufen, welche Rolle z.B. der Lager-aufbau spielt, wie sich staatliche Regulierungen bzw. Impulsprogramme auf das Geschäft auswirken oder welche Kosten überschüssige Kapazitäten verursachen. Zurzeit melden diese Sensoren, dass der Aufschwung mit Vorsicht zu bewerten ist. Der weltweite Crash hat tiefe Spuren hinterlassen; trotz der im Sommer 2009 einsetzenden Trendumkehr liegt die weltweite Chemieproduktion noch unter dem Niveau von 2006. Aber auch ohne dieses Schockereignis müsste sich die Industrie wohl auf flachere Wachstumskurven einstellen. Branchenexperten legen offen, dass das boomartige Wachstum in den Jahren 2006 und 2007 nicht nachhaltig, sondern stark durch Sonderfaktoren wie steigende Ölpreise und den ausufernden US-Häusermarkt beinflusst war. Der Margendruck auf die Chemie hat in den Boomjahren zugenommen, und jetzt ans Netz gehende neue Kpazitäten lassen in dieser Hinsicht nichts Gutes erwarten. Und der Wachstumsmotor China? Das Land ist gemessen am für den Chemieumsatz wichtigen Brutto-inlandprodukt pro Kopf immer noch ein Zwerg und scheidet daher als Konjunktur-Batman aus. Vieles spricht also für eine nüchterne Einschätzung der näheren Zukunftsaussichten. Realismus sollte aber nicht in Schwarzmalerei ausarten, denn eines steht fest: Zur Lösung der zahlreichen gesellschaftlichen und technologischen Herausforderungen braucht es – in naher und in ferner Zukunft – nicht weniger, sondern mehr Chemie.
Die Industrie arbeitet daran, wie unter anderem der Artikel über die sich verschiebenden Gewichte in der Chemieforschung (Seite 6) zeigt.

Sensor meldet «Vorsicht»
Ralf Mayer, Chefredakteur