Ausgabe 06/2010

Chemikalie des Monats
Gäbe es in der CR die Rubrik «Chemikalie des Monats» und würde sie von einem Redaktionsmitglied mit Hang zum Zynismus betreut, fiele die Wahl diesmal leicht: «Corexit 9500» heisst das Dispergiermittel, das im Zuge der durch die Explosion der Ölbohrplattform Deepwater Horizon ausgelöste Ölkatastrophe im Golf von Mexiko traurige Berühmtheit erlangte. BP als verantwortlicher Mieter der mobilen Plattform setzte Corexit 9500 in grossen Mengen unter Wasser ein. So sollte das Entstehen von Ölteppichen eingedämmt und die braune Masse für erdölabbauende Bakterien «mundgerecht» zerlegt werden. Bald geriet das Mittel in die Kritik von Umweltschützern und besorgten Küstenbewohnern. Die Gesundheitsfolgen für Mensch und Tier seien nicht abzusehen, wurde berichtet. Obwohl BP und Corexit-Hersteller Nalco versicherten, das Produkt sei sicher und letztendlich nur ein Spülmittel, verlangte die US-Umweltagentur EPA vom Ölmulti, Corexit durch ein anderes Dispergiermittel zu ersetzen. Davon wollte BP nichts wissen, hatte man sich doch gleich nach der Havarie für viel Geld mit dem Nalco-Produkt eingedeckt. Im Datensicherheitsblatt für Corexit EC9500A (früher Corexit 9500) führt Nalco folgende schädliche Inhaltsstoffe auf: Propylenglykol (ein in
vielen Hygieneartikeln verwendetes Lösemittel), Sulfonsäuresalze (Tenside)
sowie hydrierte leichte Erdölderivate. Das ebenfalls im Golf von Mexiko
eingesetzte Schwesterprodukt Corexit EC9527A enthält neben Propylenglykol und Sulfonsäuresalzen auch Butylglykol, das u.a. als Lösungsmittel in Druckfarben eingesetzt wird. Um hochgiftige Produkte handelt es sich also nicht. Allerdings stimmt es auch, dass die Folgen eines Einsatzes in derart grossen Mengen nicht exakt vorhersehbar sind – Mengen, in denen man lieber auch kein Spülmittel verschütten sollte. Tatsache ist auch, dass die EPA Corexit im Vergleich zu anderen Dispergiermitteln eine höhere Toxizität und eine geringere Effizienz bescheinigt und dass Grossbritannien dem Produkt 1998 die Zulassung entzogen hat, weil es den «Rocky Shore Toxicity Test» (Toxizität an steinigen Küsten) nicht bestanden hatte. Wie auch immer man die Gefährlichkeit von Corexit beurteilt – festzustellen bleibt: sein Einsatz hat nichts
genutzt. Wie überhaupt wochenlang sämtliche Versuche BPs, die Katastrophe einzudämmen, auf fast groteske Weise scheiterten – eine Katastrophe, die
der Ölkonzern möglicherweise durch überzogene Risikobereitschaft mit verschuldet hat. Und darin liegt der eigentliche Skandal, bei dem Corexit nur eine Nebenrolle spielte. Eine Rubrik «Versager des Monats» wäre wohl noch leichter zu füllen gewesen. Aber wir wollen ja niemanden beleidigen.
Ralf Mayer, Chefredakteur